Rheinische Post
JOSEF POGORZALEK

Herman van Veen in der Mercator-Halle bejubelt

So wunderschön traurig

4. nov 1994

Schon lange ist elf Uhr vorbei. Der Vorhang schließt sich nach der x-ten Zugabe, das Publikum schlägt endlich den Heimweg ein. Aber dann ruft jemand plötzlich „Herman!” und die Begeisterung ist wieder da. Die Prozession hält inne, neuer Beifall braust auf, hält minutenlang an, bis der umjubelte Held sich tatsächlich noch einmal flicken läßt. Mit einer tieftraurigen „Suzanne” schickt Herman van Veen seine Fans schließlich ins Bett.


Ist es die Lust am Leid, ist es der reine Masochismus, der 1800 Menschen in die Mercatorhalle treibt, um zwei Stunden schwärzester Melancholie zu trinken und anschließend nach immer mehr zu schreien, bis der Zugabeteil fast so lang wird wie das „eigentliche” Programm? Auf alle Fälle 4st es Herman van Veen, der holländische Liedermacher, der auf großer Tournee in Duisburg Halt machte — Herman van Veen, der große Hexenmeister, der einen süßen Trank aus bitteren Gefühlen zusammenbraut und mit der paradoxen Mischung seine Zuhörer bezaubert. War das schön traurig!

Freilich ist Herman van Veen auch der Clown, der Komiker, der sich ein Toupet aus Papierfransen aufsetzt, der „ernste” Musik durch den Kakao zieht, der beim Tango ein paar gekonnt ungeschickte Tanzschritte aufs Parkett legt, herumalbert und witzelt und auch Zoten nicht scheut. Aber in der Clownerie steckt stets ein Schuß Weltschmerz und Traurigkeit, und nicht selten — wie in der Zukunftsvision einer „Greisenadop-tion” durch Kinder — schlägt der Humor in puren Zynismus um.

Von Erik van der Wurff am Klavier und Nard Reijnders am Saxophon begleitet singt Herman van Veen mit elektrisierender Stimme sentimentale Lieder vom Alter, vom Tod, vom Krieg, von Kindern und Neonazis. Vor allem aber besingt er die Liebe, eine unerfüllte, schmerzvolle Liebe zumeist. Voller Pessimismus betrachtet der Philosophen-Barde das vermeintlich schönste Gefühl der Welt, das für ihn aus Irrtümem, unerfüllten Hoffnungen und Enttäuschungen besteht. Feuchten Auges rücken im Publikum die Paare zusammen und weiden sich händchenhaltend an dem Herzenselend.

Kaum hat man sich aber so richtig schön „zum Tode betrübt”, reißt der „Kasper” van Veen wieder seine Possen. Wie im richtigen Leben prallen die Gegensätze aufeinander. Das Erhabene fällt dem Lächerlichen anheim, die edle Schönheit der obszönen Geste. Da zelebriert der Holländer Kurt Weils empfindsames „Ich lieb dich nicht”, um eine Sekunde später einen dümmlichen Außerirdischen zu mimen, da gibt er den grunzenden Neandertaler, um im nächsten Moment „ein zärtliches Gefühl” anzustimmen.

Das Publikum ist ratlos aber glücklich.



JOSEF POGORZALEK