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Ostsee Zeitung DITTE CLEMENS |
Lieder über die Liebe der Menschen | 29. okt 1994 |
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Herman van Veen - seine Lieder gehen unter die Haut. Er findet für Wahrheiten Worte, die uns oft fehlen. Oktober 1994: Herman van Veen ist zu zwei Konzerten in Rostock. Ein Riesenpublikum erwartet den Sänger, Liedermacher, Clown, Parodisten und Komödianten. Es ist wie im März 1993. Die meisten Zuschauer bleiben nach dem Konzert einfach sitzen. Sie erklat-schen und ertrampeln sich ein Zusatzprogramm von fast zwei Stunden. Sie wollen seine Lieder hören, die sie auswendig kennen. Später rsingt Herman van Veen vom Blatt. Die Texte sind nicht älter als zwei Tage. „Noch tropfnaß", sagt er. Das Konzertende ist nicht abzusehen. Der Agenturleiter stellt mir einen Stuhl vor die Garderobentür von Herman van Veen. Die Blicke zweier Herren von der Wach- und Schließgesellschaft verraten, daß sie mich für die Nachspeise des Künstlers halten. Nach 23 Uhr kommt Herman van Veen in seine Garderobe. Er erinnert sich an unser Mittemachtsinterview im März 1993, an sein damaliges Versprechen, daß wir bei einer nächsten Begegnung mehr Zeit für ein Gespräch haben werden. Doch aus dem Lautsprecher in der Garderobe schallt immer noch das Dacapo des Publikums. Wir verschieben unseren Gesprächstermin auf den nächsten Tag. Treffpunkt ist ein großes Hotel in Graal-Müritz. Kein Haus zum Wohlfühlen für Herman van Veen. „Stell dir vor", sagt er, „hier gibt es einen Teppich im Bad." Er macht ein Gesicht als hätte man ihm ein Stück Apfelkuchen mit Senf serviert. Baugeräusche übertönen das Gespräch. Neben der Rezeption ist auf einem großen Schild zu lesen: Damit Sie sich bei uns noch wohler fühlen, bauen wir für Sie um. „Wie im Alptraum beim Zahnarzt mit so einem Bohrer", sagt Herman van Veen und zeigt die Länge eines ausgewachsenen Krokodils. Bei dem Krach werden wir immer lauter. An den umliegenden Tischen hören Hotelgäste mit, ob sie wollen oder nicht. Wir reden über Träume, Kinder, Kriege, Deutschland und sprechende Steine. Vor mir liegt ein kleiner Stein. Herman van Veen hat ihn am Morgen bei einem Spaziergang an der Ostsee entdeckt. Ein Geschenk für mich. „Er war einmal sehr groß. Vielleicht ein Felsen", sagt Herman van Veen. ,;Der Stein weiß, was mit ihm passiert ist. Er kann es uns erzählen und uns Antworten geben, wenn wir ihn fragen." Auch Bäume und Vögel würden zu uns sprechen, wenn wir uns ihnen zuwenden. Er garantiert mir Antworten, wenn ich bereit bin, mich diesen anscheinend toten Dingen zu öffnen. Ähnlich beschwörend wirkt der holländische Liedermacher, als wir über Deutschland sprechen. Er ist sich ganz sicher, daß das, was im Faschismus passiert ist, sich wiederholen kann, wenn die Menschen weiter davon ausgehen, daß es sich auf keinen Fall wiederholen wird. Und es behagt ihm gar nicht, wenn die durch Kriege zerstörten Kirchen wieder aufgebaut werden. Das dient dem Vergessen, meint er, der Illusion, daß etwas wieder so sein kann, wie es war. Nachdenken über die Vergangenheit dürfe nicht blockiert werden. Deshalb auch das Lied in seinem Konzert von den Kindern, die so heiß auf einen Messerschnitt sind. „Deutschland erwache" klingt aus seinem Munde nicht nach breitschultriger Stärke, sondern wie ein Schrei. Nachdenken über die Vergangenheit, die sich in der Gegenwart eingenistet hat. Lichtblitz-Gewitter donnert über das Publikum. Ein kleiner Junge lehnt sich voller Angst an seine Mutter. „Es ist kein Konzert für kleine Kinder", sagt Herman van Veen und begreift nicht, daß Eltern das nicht ahnen. Was von Müttern und Vätern oft so gut gemeint ist, hat nicht immer diese Wirkung, stellen wir beide aus eigener Erfahrung fest. Auch Herman van Veen wurde lange umklammert und zu sehr gewärmt. Mühsam mußte er lernen, Kälte auszuhalten. Doch gerade diese Gegensätzlichkeiten sind für Herman van Veen das Leben. „Niemals wird es ein Konzert von mir geben, in dem es nur traurige oder nur lustige Lieder gibt", sagt er, „alles liegt so dicht beieinander - das Blödeln und die Klugheit, die Verzweiflung und die Hoffnung." Kraß wirken deshalb auch die Übergänge in seinem Konzert. Nichts scheint für ihn nicht singbar zu sein. Im Rosa-Lied erzählt er von der ersten Regel eines eigenwilligen Mädchens. Faszinierend sind für das Publikum seine Verwandlungen. Wenn er sich während des Konzertes die Ärmel seines Hemdes aufkrempelt, immer weiter, immer höher - bis zu den Schultern. Aus einem kleinen Angeber wird ein überheblicher Spinner. Aus diesem ein aufgeblasener Protz, der zum abstoßenden Monster wird ... und dann das Lied: „Ich hab ein zärtliches Gefühl für jede Frau, für jeden Mann, für jeden, der aufrichtig lieben kann.“ Das Publikum singt mit. Auch mit seinem weißen Hemd, der schwarzen Hose, den hellen Schuhen schafft er Kontraste. Manche seiner Zeichen, seiner Symboie im Konzert bleiben mir verschlossen. „Warum diese Erzählung von dem Kind, das von einem Eisbären gefressen wird? Warum bringst du die Leute mit solchen Grausamkeiten zum Lachen", frage ich. „ich will gar nicht, daß sie darüber lachen", sagt Herman van Veen, „aber sie lachen nun mal und haben ihre Gründe dafür." Zu begreifen, wamm die Menschen so und nicht anders reagieren, ist ihm wichtig. Er ist neugierig auf Leben, will wissen, wie ich zur Mathematik gekommen bin. Als ich ihm verrate, daß ich mich als Schülerin in meinen Mathe-Lehrer verliebt habe, schmunzelt er und erzählt, daß er als Schüler wie ein junger Gott geträllert hat, nur damit seine Musiklehrerin ihn und nur ihn bemerkt. Die Mithörer an den Tischen im Hotel könnten bestätigten, daß wir die Themen rasant wechseln. Vielleicht ist es unser gemeinsamer Hunger nach Humor, daß wir plötzlich bei Mrs. Doubtfire sind. Das Filmende deuten wir ziemlich' unterschiedlich. „Sie kriegen sich nicht, und das ist gut so", ist meine Version, „ich denke, sie werden sich finden", sagt Herman van Veen. Und er ist auch der Meinung, daß dieser Film mit diesem wunderbaren Humor nicht möglich gewesen wäre, wenn die Beziehungen zwischen Eheleuten nicht so festgeschrieben wären. „Warum soll eine beruflich erfolgreiche Frau nicht mit so einem originellen Hausmann leben? Nur weil das nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehört, wurde der Film erst möglich", meint Herman van Veen. Wir sind beim Thema Ehe. „Man muß es lernen, den anderen so zu akzeptieren wie er ist", sagt er. Wie schwer es ist, das in die Tat umzusetzen, weiß er nach seiner Scheidung selbst. Das Wort Liebe streicht er für seine ehemalige Frau nicht, nur weil sich sein Leben vor fünf Jahren verändert hat. Bei seinen Liebesliedern wird am meisten applaudiert. Auch von seiner Liebe zu Holland singt er. Er ist mächtig stolz, Holländer zu sein und kann es nur schwer verdauen, wenn die Holländer bei einem Fußballspiel verlieren. In seinem alten, von dickem Mauerwerk geschützten Haus fühlt er sich geborgen. Weitab vom Trubel in Amsterdam, an eher stillen Orten und ruhigen Landschaften. Bei Wind und Wetter muß er draußen sein. „Vergiß den kleinen Stein nicht", sagt er mir zum Abschied und verspricht Antworten. Ý „Du muß Dich trauen, den Stein zu fragen." DITTE CLEMENS |